1969: Zwei Monate vor der Eröffnung bringen Arbeiter die bekannte Leuchtschrift
"Zielgerichtet werben" in Form eines Pfeiles am Haus an. (Foto: BArchiv, Bild 183-H0813-0026-001 / Brüggemann / CC-BY-SA 3.0)
 
   

Vor rund 50 Jahren schwingt am Alexanderplatz die Abrissbirne und schafft Raum für eine sozialistische Neugestaltung des Ost-Berliner Stadtzentrums. An der Hans-Beimler-Straße 70-72 in Mitte, der heutigen Otto-Braun-Straße, die zuvor das Minolhaus mit Büros und Geschäften sowie den Georgenkirchplatz beheimatete, wächst in den Jahren 1968 bis 1969 ein typischer DDR-Zweckbau in die Höhe: Das „Haus der Statistik“.

Am 7. Oktober 1969, zum 20. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik, wird der neue Sitz der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik der DDR eingeweiht. Zusammen mit den in ähnlichem Stil gehaltenen Gebäuden im Umkreis, dem „Haus des Lehrers“, dem „Haus der Elektroindustrie“ und dem „Haus des Reisens“, bildet das vom Architekten-Kollektiv Manfred Hörner, Peter Senf und Joachim Härter im Stil der Neuen Sachlichkeit entworfene Haus ein architektonisches Ensemble. Der aus drei Teilen bestehende 9- bis 12-geschossige Stahlskelettbau bietet zunächst rund 2.900 Mitarbeitern des Statistik-Amtes und des Ministeriums für Handel und Versorgung und ab 1972 auch dem Ministerium für Umweltschutz und Wasserwirtschaft Platz.

  
     Mut zur Platte: Das Ost-Berliner Stadtzentrum wird Ausdruck der  "Neuen Sachlichkeit": modern, rational und zweckgebunden. (Foto: BArchiv, Bild 183-R0505-0030 / Kohls / CC-BY-SA 3.0)

Schönfärberei und das Auge des „großen Bruders“

Zu den wichtigsten Aufgaben der DDR-Statistiker zählten u. a. die Informationsbereitstellung sowie das Erarbeiten von Analysen für die Ausarbeitung der Fünfjahrespläne der SED-Regierung. Neben fachlichen Kenntnissen war seitens der Partei vor allem „ein hohes Maß an ideologischer Reife [und] ein sich daraus ergebendes festes sozialistisches Klassenbewußtsein“ gefordert. Bis zur Wiedervereinigung 1990 erfasste die Behörde rund 223 Statistiken, darunter vor allem Daten zu Industrie, Arbeitskräften, Wissenschaft oder Bevölkerung. Was die Zuverlässigkeit der von der DDR-Regierung veröffentlichen Zahlen angeht, wurden in den vergangenen Jahrzehnten besonders mit den zunehmenden wirtschaftlichen Problemen der DDR immer wieder Zweifel laut. Forscher kommen heute zu dem Schluss, dass die Statistiker selbst zwar nicht bewusst fälschten, wohl aber, dass Zahlen auf Druck der Parteispitze im Nachhinein zu Propagandazwecken geschönt, manipuliert oder zurückgehalten werden mussten.

Weitgehend unbemerkt von der Bevölkerung war in den oberen Etagen des Hauses auch ein Beobachtungsstützpunkt des Ministeriums für Staatssicherheit, Deckname: das „Institut“, einquartiert. Von hier aus wurden der Alexanderplatz und angrenzende Gebäude und Straßen mit Kameras observiert.

   
1970: Auf einer Pressekonferenz informiert Prof. Dr. Arno Donda, Leiter der Staatlichen Zentralverwaltung
für Statistik, über die Volks-, Beruf-, Wohnraum- und Gebäudezählung.
(Foto: BArchiv, Bild 183-J0915-0033-001 / Kutscher / CC-BY-SA 3.0)
  Passanten am Alexanderplatz im "Auge der Partei". Die Stasi überwacht aus den oberen Etagen des
"Hauses der Statistik".
(Foto: BArchiv, Bild 183-L0218-0313 / Link / CC-BY-SA 3.0)

Köder, Kunst und Kuchen

Das Erdgeschoss des Plattenbaus wurde durch einige Geschäfte aufgelockert. Es gab die „Suhler Jagdhütte“ – ein Geschäft für Jagdwaffen und -bekleidung – einen Angler-Laden, „Natascha“ – ein Geschäft mit Produkten aus der UDSSR – sowie eine Apotheke. Mit dem „Mocca-Eck“ und der „Jagdklause“ fanden auch zwei Gastronomiebetriebe im Haus Platz. „Reichhaltig ist die Auswahl des Cafés an Frühstücksgedecken, Kuchen, Torten, Kaffee- und Eisspezialitäten und Milch-Mix-Getränken. Für die Freunde von Wildgerichten ist die danebenliegende Jagdklause wie geschaffen“, preist ein Artikel des damaligen SED-Organs „Neues Deutschland“ die kulinarischen Angebote an. Das Logo des Mocca-Ecks, eine überdimensionale dampfende Kaffeetasse, ist heute noch an der Fassade zu sehen.

Konträr zum rationalen Äußeren fanden im Inneren des Hauses auch Werke beachteter Künstler Einzug. Für die „Suhler Jagdhütte“ schuf der Bildhauer und Kunstschmied Achim Kühn die Schmiedearbeit „Tiere im Geäst“ sowie ein kupfernes Relief über das technische und mathematische Denken für den Haupteingang. Im Konferenzsaal des Hauses befand sich das von Ronald Paris geschaffene Bild „Lob des Kommunismus“. Knallbunt und expressiv erzählt es vom bescheidenen Leben des Proletariats, der großen Revolution und dem blühenden Kommunismus der Zukunft. Das 2 mal 9,80 Meter mächtige und auf Beton gemalte Bild war bei der SED-Regierung nicht sonderlich beliebt. Man wollte darin subtile Zweifel am Erfolg des Kommunismus‘ erkannt haben und schickte 24 Änderungswünsche an den Künstler, die dieser getrost ignorierte. Der Bund wollte das Bild 2010 sogar verschenken. Nicht zuletzt aufgrund der recht happigen Abbaukosten von rund 18.000 Euro hielt sich die Begeisterung jedoch in Grenzen. Schließlich kam das gering geschätzte Kunstwerk doch noch im DDR-Museum unter und ist dort nach einer Restauration für die Öffentlichkeit zugänglich.

Wiedervereinigung und Leerstand

Am 3. Oktober 1990 ging das letzte Kapitel der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik der DDR zu Ende. Im Zuge der deutschen Einheit wurde die Behörde aufgelöst und zu einem „Gemeinsamen Statistischen Amt der fünf neuen Bundesländer“ umgewandelt. Insgesamt 235 Magnetbandkassetten mit Datenmaterial wanderten ins Bundesarchiv. Später diente das „Haus der Statistik“ als Zweigstelle des Statistischen Bundesamts. Heute befindet sich das Amt in Wiesbaden.

Der frühere Pastor Joachim Gauck übernimmt am
3. Oktober1990 die Leitung der Behörde des "Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatsicherheitsdienstes".
(Foto: BArchiv, Bild 183-
1990-1218-302 / Grimm / CC-BY-SA 3.0)

Im Jahr der Wiedervereinigung nahm die Behörde des „Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes“ ihre Arbeit im „Haus der Statistik“ auf. Zwei Jahre später konnten bereits die ersten Bürger ihre Akten einsehen, die von der Stasi über sie angelegt wurden. Gingen im ersten Jahr 520.000 Anträge zur Akteneinsicht ein, waren es 2004 bereits über 2,2 Millionen. Ab 1990 diente das Haus auch der Ministerin für Handel und Tourismus und ab 1998 der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur als Amtssitz.

Neubeginn als Ort der Vielfalt und Zusammenkunft

Im Zuge des immer schlechter werdenden baulichen Zustandes des in die Jahre gekommenen Gebäudekomplexes mussten 2008 schließlich alle Mieter aus dem geschichtsträchtigen Bauwerk ausziehen. Die Immobilie verkam in den Folgejahren zum lost place: Nur Vögel, Sprayer, Obdachlose, Fotografen und Feierlaunige vermochte das marode Haus noch anzulocken. Die Tage der DDR-Ruine schienen bereits gezählt. Sie sollte das dasselbe Schicksal ereilen wie ihre Vorgänger. Das Land Berlin jedoch erkannte das enorme Potential des Hauses, und bevor die Abrissbirne erneut anrollen konnte, kaufte es die Immobilie 2017 dem Bund ab.

In den nächsten Jahren soll im „Haus der Statistik“ nun mit Hilfe der BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) und ihren Kooperationspartnern im Zuge eines partizipativen Werkstattverfahrens Raum für Wohnen, Verwaltung, Kunst und Kultur geschaffen werden. Dort, wo vor der Wiedervereinigung noch getrickst, getäuscht und spioniert wurde, wird ein Ort des Neubeginns, der Vielfalt und der Zusammenkunft entstehen, an dem sich alle Berliner und dessen Besucher wiederfinden.

Wie das nach Beendigung aller Instandsetzungsmaßnahmen mal aussehen könnten, sehen Sie hier: rechts der aktuelle Stand, links der Siegerentwurf des Fassadenwettbewerbs.