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Nikolaikirche

Foto: BIM GmbH

Pantheon der Berliner Geschlechter

Mit der Berliner Nikolaikirche betreut die BIM einen baugeschichtlichen Solitär. Die in Teilen bereits 1238 geweihte Kirche zwischen Spandauer Straße, Rathausstraße, Spree und Mühlendamm ist Berlins ältestes Gebäude. Als Probsteikirche einer der sechs Probsteien des Bistums Brandenburg, war sie zuständig für die Städte Berlin und Cölln sowie weitere 77 Ortschaften der Umgebung. Sie brachte es gleich auf drei Schutzpatrone. Fischer, Schiffer und Kaufleute beriefen sich auf den Heiligen Nikolaus, Jungfrauen, Gelehrte und das Gewerbe auf die Heilige Katharina, während der Heilige Martin für die Mildtätigkeit stand. Damals wie heute waren Berlins Kassen knapp. Als St. Nikolai um einen neuen Chor erweitert werden sollte, wird vermerkt, „…dass die Vollendung wegen der allbekannten Armut der Gemeinde nur durch Almosen der Gläubigen in Stand gesetzt werden kann…“.

Die Säulen der musealen Erschließung

„Wir unterscheiden drei tragende Säulen für die museale Erschließung des Hauses“, sagt Kurator Albrecht Henkys. „Als ältestes steinernes Bauwerk, das Berlin jemals hatte, ist seine mittelalterliche Baugeschichte angesprochen. Die reiche Grabmalskunst steht vor allem für die nachreformatorische Kunst. Paul Gerhardt (1607-1676) als bedeutendster deutschsprachiger Kirchenlieddichter markiert zusammen mit Kantor Johann Crüger (1598-1662) die herausragende Bedeutung der Kirche in der Musikgeschichte.“ Die im Laufe der Jahrhunderte entstandene reichhaltige Ausstattung des Raumes durch Logen, Gestühle, Nebenaltäre und Randkapellen mußte dem Streben reicher Patrizierfamilien und Hofbeamte nach aufwändigen Erbbegräbnissen weichen. Die zahlreichen Grabkunstwerke, die allmählich hinzukamen, brachten der Kirche den Namen „Pantheon der Berliner Geschlechter und vornehmste Erinnerungsstätte für die Geschichte Berlins“ ein. Hygienische Gründe und Spreehochwasser sprachen dafür, dass 1819 die letzte Grablegung stattfand, zumal Friedhöfe vor den Toren der Stadt entstanden waren. Im gleichen Jahrhundert gab es zwei grundlegende Restaurierungen mit gravierenden Veränderungen und einer fortschreitenden Regotisierung.

Die Zeit von 1933-1945

Eigenwillige Pläne während der Nazi-Ära, die u.a. in einem Reichsmusikdom und einem Freiluftmuseum gipfelten, wurden nie verwirklicht oder erwiesen sich als Gerücht. Am 5. November 1939 gab es aus Anlaß des 400. Jubiläums der Berliner Reformation einen Festgottesdienst. Im Hinblick auf geplante Baumaßnahmen wurde anschließend in Abstimmung mit Probstei und Gemeinde die Kirche geschlossen. Unmittelbar darauf begannen archäologische Grabungen, die den Vorgängerbau freilegten, der heute als eindrucksvolle Nachbildung ausgestellt ist. Die Kriegsereignisse vereitelten sowohl den Fortgang der Grabungen als auch die Erwägung, die Kirche wieder zu nutzen. Nikolais bewegliche Kunstschätze wurden 1943 ausgelagert. Was der Bombenhagel 1944/45 nicht geschafft hatte, vollbrachte 1949 ein Unwetter. Die Kirche war nun eine Ruine. Ironie des Schicksals: die nachfolgenden archäologischen Ausgrabungen zur Freilegung des historischen Bauzustandes ließen sich nun leichter bewerkstelligen.

Nach dem kirchlichen Verzicht auf einen Wiederaufbau der Nikolaikirche nutzen die drei Berliner Innenstadtgemeinden nun die erhalten gebliebene Kirche St. Marien. Das Ruinengrundstück St. Nikolai ist 1969 nach einem damals üblichen Einheitswert entschädigt worden und in das Eigentum der Stadt Berlin übergegangen.

Ein Geschichtsmuseum entsteht

Als der Ostberliner Magistrat daran ging, Pläne für die Neugestaltung des Stadtviertels rund um die Kirche zu entwickeln, wurde 1980 auch die Wiedererrichtung des inzwischen auf die Denkmalliste gesetzten Torsos als Geschichtsmuseum beschlossen. „Denn gerade auch für die bürgerliche- und Demokratiegeschichte Berlins hat die Nikolaikirche allergrößte Bedeutung“, so Albert Henkys. Unter denkmalpflegerischer Anleitung begannen die Wiederaufbauarbeiten. Gemessen an dem, was einmal den künstlerischen Reichtum des Bauwerks ausmachte, war die Ausstattung zunächst recht bescheiden. Als herausragend und beispielhaft gilt das von Andreas Schlüter gestaltete Portal zur Gruft für den Berliner Goldschmied Daniel Mannlich. Nach seiner Auslagerung hatte es Aufnahme im Alten Museum gefunden und wurde nun zurückversetzt. Einige verbliebene Exponate konnten mit öffentlichen Mitteln aus der DDR-Denkmalpflege restauriert werden, anderes verteilte sich auf den Besitz der evangelischen Kirche in Ost und West.

1987, zur 750-Jahr-Feier Berlins, wurde St. Nikolai als Dependance des Märkischen Museums wiedereröffnet. Ab Mitte der 90er Jahre, nach Gründung der Stiftung Stadtmuseum, diente das mittelalterliche Bauwerk vor allem als Ausstellungshalle. 2008 begann man mit entscheidenden Bauerhaltungsmaßnahmen. Bauverwaltung, Denkmalamt und Stadtmuseum arbeiteten eng zusammen. Gelder aus dem Europäischen Fonds für Strukturförderung (EFRE) und private Spenden halfen bei der Verwirklichung der musealen Neugestaltung.

Wiedergefundenes

Kurator Albrecht Henkys berichtet von der Restaurierung der einzigartigen Zinntaufe, die schon 2002 wieder an ihrem Ursprungsort aufgestellt wurde, auch von einem barocken Engel, wiedergefunden auf einem der Dachböden des Märkischen Museums. In seinem Faltenwurf fand sich eine Inventarnummer, die auf die Nikolaikirche hin wies. Als die restaurierte Skulptur den begeisterten Besuchern präsentiert werden konnte, entstand die Idee, Engel-Patenschaften zu initiieren. Denn dieser Engel war nicht der einzige, der auf seine Auferstehung hoffte. Die Aktion war außerordentlich erfolgreich, wie man der seit 2010 zu bewundernden Neuinszenierung der Altarfiguren entnehmen kann.

Nach und nach fanden und finden sich immer mehr Fundstücke ein. Zum Teil von Berlinern, die in den Kriegsruinen etwas an sich nahmen, von dem sie glaubten, dass es niemandem mehr gehöre. Wer heute St. Nikolai besucht, findet Museum und Kirche, Nachgebildetes, das nicht vorgibt, alt zu sein, Historisches, das sorgfältig und behutsam rekonstruiert wurde und mehrere viersprachige Multimediastationen, die über die unterschiedlichsten Themen um die Berliner Nikolaikirche in Gegenwart und Vergangenheit informieren. „Hinzu kommt ein umfangreicher, inhaltlich anspruchsvoller Audioguide, der das internationale Publikum sogar in fünf Sprachen empfängt und durch die Themen der Kunstwerke der Kirche gleitet.“

 

Quelle Albrecht Henkys:

„Die Berliner Nikolaikirche“, Edition Stadtmuseum Berlin

„Vom Umgang mit dem Fragment“

 

 

 

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Links zum Thema


Denkmaldatenbank: Nikolaikirche

Wissenswertes über die Nikolaiviertel mit besonderem Fokus auf die Kirche in der Denkmaldatenbank der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

 

Foto: BIM GmbH

Die Front der Nikolaikirche

 

Foto: BIM GmbH

Die Kirche von der Seite