Kultur

Zum 1. Januar 2009 ging die erste Tranche von Berliner Kultureinrichtungen in den Bestand der BIM über. Das Berliner Abgeordnetenhaus setzte mit diesem Schritt großes Vertrauen in die Kompetenz der Gesellschaft. Zu den Kulturimmobilien der ersten Stunde gehörten beispielsweise das Berliner Ensemble, die Berlinische Galerie, das Konzerthaus und das Technikmuseum. Der Erfolg gab allen Beteiligten recht. Im Jahr 2011 vertiefte die BIM ihre Zusammenarbeit mit den Berliner Kultureinrichtungen durch die Aufnahme der zweiten Tranche in das Portfolio, darunter die Stiftung Stadtmuseum mit der Nikolaikirche, das Bauhaus-Archiv und die Berliner Philharmonie. Auch im Jahr 2012 wuchs die Zahl der von der BIM betreuten Kultureinrichtungen weiter an, etwa um die Volksbühne und die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Insgesamt umfasst das Kulturportfolio nun circa 230 Gebäude auf rund 550.000 Quadratmetern Fläche.

Literarisches Colloquium

Aus Liebe zur Sprache

Ob die Liebe zur Sprache das Leitmotiv für Robert Guthmann (1839-1924) war, als er 1885 sein Grundstück am Ostufer des Großen Wannsee bebauen ließ, ist Spekulation. Damit allerdings dürfte sich der Gründer der Portlandzementfabrik und Betreiber der größten Kalksandsteinfabrik Rüdersdorf ausgekannt haben. Allerdings: vier Jahrzehnte später lässt sich durchaus Liebe zur Sprache im Haus erkennen, genauer gesagt: im Turmzimmer. Es ist überliefert, dass der Dramatiker Carl Zuckmayer (1896-1977), der eine Zeitlang Am Sandwerder 5 (heutiger Name) wohnte, sein Lustspiel „Der Fröhliche Weinberg“ schrieb. Es wurde am 22. Dezember 1925 am „Berliner Ensemble“, damals „Theater am Schiffbauerdamm“, mit großem Erfolg uraufgeführt und später mehrfach verfilmt. Zwar empfand Zuckmayer das Haus, das heute das Literarische Colloquium Berlin (LCB) beherbergt, als imitierte Ritterburg, lobte aber Aussicht und Landschaft.

Die Landschaft ist bis zum heutigen Tage von besonderer Schönheit. Das Grundstück liegt an der Haveldüne mit einem Abfall zum Wasser von 25 Metern. Man blickt hinüber auf die Insel Schwanenwerder und nach Kladow, linker Hand auf den Kleinen Wannsee bis zum Stölpchen- und Griebnitzsee. Das Areal gehörte Prinz Karl von Preußen (1828-1885), der seinen weit ausgedehnten Besitz parzellenweise verkaufte. Die 1870 entstandene Villenkolonie Wannsee entwickelt sich rasch zu einem attraktiven Lebensmittelpunkt des Berliner Großbürgertums. Seit 1874 gab es eine Bahnverbindung, die die Fahrgäste in 20 Minuten vom Stadtzentrum nach Wannsee und weiter bis Potsdam beförderte. Der Volksmund nannte sie „Wahnsinnsbahn“ oder „Bankierszüge“.  

Der Bauherr Guthmann hatte die Architekten Großheim und Kaiser für sich auserkoren, die zahlreiche Geschäftshäuser und Villen entworfen hatten und über ein variables Stilgefühl - von der Renaissance bis zur Moderne - verfügten. Die Auffahrt ist eher gemütlich als pompös, an Gutshäuser auf dem Lande erinnernd. Betritt man das Haus, wird man nicht von einer großen Eingangshalle, aber mit einer ganz besonderen und imposanten Deckengestaltung empfangen, die sich in einige der nachfolgenden Räume fortsetzt. Sie erinnert in ihrer wie für die Ewigkeit gemachten Holzverarbeitung an elegante Passagierschiffe.  

Robert und Marie Guthmanns Lebenszuschnitt war zeitgemäß. Man besuchte Konzerte, besaß zwei Flügel und veranstaltete Hauskonzerte. Marie Guthmann hatte eine Vorliebe für das noch heute in Ansätzen erkennbar Dekorative. Ihr Sohn Johannes (1876-1956) schrieb in seinen 1955 erschienenen Lebenserinnerungen: „Meine Mutter nahm alles zu gleicher Zeit in Angriff, den raschelnden trocknen Pomp der Makart-Sträuße, den blau und gelben Glanz der Majolikaplatten und -gefäße à la Faenza…das minutiöse feine Linienspiel der getönten Fensterscheiben und die Blümeleien der Mokkatassen.“ 

Vermutlich inspiriert durch einen begehrlichen Blick über Wannsee und Havel Richtung Kladow erwarb Robert Guthmann 1887 dort ein parkähnliches Gelände mit einem Herrenhaus, das seit geraumer Zeit von seinem Herrn verlassen worden war und dementsprechend aussah. Guthmann präsentierte seiner Familie den Neukauf mit den Worten: „Das Ganze natürlich nur zum Abreißen!“ Als passioniertem Bauunternehmer stellte er sich die Parzellierung und Gestaltung einer Wohnkolonie vor. Wegen fehlender Verkehrsanbindung, und weil sich die Idee einer Schwebebahn von Wannsee über die Havel nach Kladow als illusorisch erwies, kam es dazu aber nicht. Der Park wurde gestaltet, das Haus restauriert und erweitert. 

Johannes Guthmanns Kindertage „…waren eng verknüpft mit den sonntäglichen Ausflügen in das ‚kleine Schlösschen…. Zunächst ging es vom Elternhaus am Sandwerder in Wannsee mit der Kutsche über Sacrow nach Kladow, später setzte man mit einem aus Paris herbeigeschafften Seine-Dampferchen aus Mahagoniholz über die Havel … das zierliche Boot führte seinen koketten Namen ‚L’oiseau mouche‘ zu deutsch Kolibri.“ Neu-Cladow entwickelte sich in den Jahren, die der Kunsthistoriker Johannes Guthmann dort verbrachte, zu einem begehrten Treffpunkt der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit aus Kunst und Kultur.- Auseinandersetzungen mit der Familie beendeten das Kladower Glück, und Johannes Guthmann verließ mit seinem Lebenspartner Berlin.  

Robert Guthmann vermachte Sandwerder 5 seinem Enkel Hans Georg von Morgen, der zugleich Geschäftsführer der als Eigentümer eingetragenen „Robert Guthmannsche Vermögensverwaltung“ war. Morgen wohnte im Haus, vermietete aber Teile an verschiedene Bewohner. Ab 1934 war Prof. Paul Otto Rosin (1890-1967) neuer Eigentümer des „Einfamilienhauses“. Der aus Freiburg im Breisgau stammende Unternehmer habilitierte 1921 und war zuletzt Honorarprofessor für Stoffwirtschaft an der TH Berlin. Die Freude am Besitz in Wannsee war kurz. Da er den damals geforderten „Ariernachweis“ nicht erbringen konnte, half ihm auch die Tatsache, im Ersten Weltkrieg hohe Tapferkeitsorden errungen zu haben, nichts. Er ging 1935 nach England. Es ist anzunehmen, dass Haus und Grundstück, wie allgemein praktiziert, an das Deutsche Reich fielen. Sein nach dem Krieg angestrengtes Rückerstattungsverfahren war 1953 erfolgreich.  

1938 erscheint im Grundbuch Staatsrat Rüdiger Graf von der Goltz auf (1894-1976). Goltz war Jurist, Strafverteidiger und Politiker. 1942, vier Jahre später, war der „Kriegsfiskus“ (mit der Verwaltung des Kriegsetats befasste Behörde) neuer Eigentümer und bis zum Kriegsende „Deutsches Reich Marineverwaltung“ der Nutzer. Bereits in dieser Zeit erhielt die „Ritterburg“ eine entscheidende bauliche Veränderung. Die Überdachung des Garten-Atriums schuf einen zusätzlichen Raum, der heute für Veranstaltungen genutzt wird.  

Auf der „Potsdamer Konferenz“, die von Juli bis August 1945 im Schloss Cecilienhof stattfand, wurde Deutschland in vier Besatzungszonen und Berlin in vier Sektoren aufgeteilt. Wannsee wurde amerikanisch. Sandwerder 5 war unbeschädigt, stand leer, und das amerikanische Militär bezog Quartier, bis Paul Otto Rosin wieder über sein Eigentum verfügen konnte. Er verkaufte an die Hotelbetreiberin Wanda Hoerter, die darin das „Casino-Hotel am Wannsee“ eröffnete.- Die ersten Exilanten kamen zurück nach Deutschland. Unter ihnen war die Schriftstellerin Anna Seghers (1900-1983). 1947 verließ sie Mexiko und wohnte für längere Zeit im Casino-Hotel und war somit der erste prominente Literaturgast der Nachkriegszeit am Sandwerder.- Weil sich der Hotelbetrieb als unrentabel erwies, wurde er 1960 an das Land Berlin verkauft. Bevor klar war, wie es weitergehen sollte, musste das verwohnte Haus erst einmal hergerichtet werden. Drei Jahre später ging es weiter. 

Der Schriftsteller und Ordentliche Professor für Literaturwissenschaft an der TU Berlin, Walter Friedrich Höllerer (1922-2003), gründete mit Mitteln der Ford-Foundation im Mai 1963 den Verein „Literarisches Colloquium Berlin e.V. Am Sandwerder 5“. Dem war im Herbst 1962 ein Treffen der „Gruppe 47“ im ehemaligen Casino-Hotel voraus gegangen, an dem Höllerer, der die Zusammenkünfte der Gruppe seit 1954 begleitete, teilgenommen hatte. Die Keimzelle der Gruppe entsprang einem Reeducation-Programm in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager. Zwei der Kriegsgefangenen, Alfred Andersch (1914-1980) und Hans Werner Richter (1908-1993), übertrugen ihre Vorstellungen von der „demokratischen Elitenbildung auf dem Gebiet der Literatur und Publizistik“ bei ihrer Rückkehr auf Deutschland. Aus einer zunächst losen Vereinigung entstand – benannt nach dem Jahr ihrer Konstituierung – die „Gruppe 47“, die das geistig-kulturelle und politisch-international wahrgenommene Bild Deutschlands bis heute maßgeblich geprägt hat. Das Literarische Colloquium steht noch immer mit einigen Gründungsmitgliedern der Gruppe in Kontakt. Es wurden Förderpreise von der „Gruppe 47“ an damals unbekannte Autoren wie Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Martin Walser, Günter Grass, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger, Peter Handke oder den kürzlich verstorbenen Siegfried Lenz vergeben. Böll und Grass wurden Nobelpreisträger, desgleichen in jüngerer Zeit Imre Kertész, Elfriede Jelinek oder Herta Müller, die ebenfalls mit dem Colloqium verbunden sind.- Bereits in den ersten Jahren entwickelte sich am Sandwerder ein breites Themenspektrum, das Literatur, Film und Theater einschloss.  

Als 1983 vom Berliner Senat erstmalig Auftragsstipendien vergeben wurden, veränderte sich bald darauf die Geschäftsstruktur des Colloquiums. Nach einigen Wechseln ist nun Dr. Florian Höllerer für die Gesamtleitung des Hauses verantwortlich und folgt damit auf den Germanisten Dr. Ulrich Janetzki. Bis 2013 war Dr. Höllerer Honorarprofessor am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Stuttgart. Der „Tagesspiegel“ titelte die Ankündigung seiner Berliner Ernennung zum 1. Januar 2014 mit: „Wellenschlag am Wannsee“. 

Jürgen Jakob Becker ist stellvertretender Geschäftsleiter, arbeitet im literarischen Programm und ist Geschäftsführer des Deutschen Übersetzerfonds. „Die Förderung von Literaturübersetzern gehört seit den neunziger Jahren zu den Schwerpunkten der Programmabeit des LCB, denn Übersetzungen erweitern nicht nur unseren Horizont und unser Verständnis für fremde Kulturen, sie bereichern auch unsere Sprache und das literarische Leben. Ins LCB kommen Übersetzer aus der ganzen Welt zu Workshops über neueste deutsche Literatur, hier treffen sie Autoren, arbeiten an Texten, zeigen sich in Veranstaltungen wie dem 'Übersetzertag'. Der Deutsche Übersetzerfonds, 1997 gegründet, ist die größte Förderinstitution für Übersetzer ins Deutsche – mit Sitz im LCB“.  

Ein Blick auf den aktuellen Newsletter genügt, um die ganze Vielfalt von Veranstaltungen und Aufgaben des Literarischen Colloquiums Berlin zu erkennen. Er berichtet unter anderem von Ausstellungen, Literatouren, Ausschreibungen für Stipendien, Preisverleihungen, internationalen Übersetzertreffen, Gastreisen zu Verlagsmetropolen in Paris und Lissabon, einem Treffen in Helsinki und Sibirien oder Gesprächsreihen mit ausgezeichneten Autoren und Hausgästen.  

Corinna Ziegler, über 20 Jahren dabei, ist für „…das Hausmanagement zuständig, organisiert Fremdveranstaltungen (Tagungen und Film) und betreut Stipendiaten, die im Haus wohnen und arbeiten können.“ Wer sie in Aktion erlebt, bemerkt, dass sie stressfrei drei Dinge auf einmal erledigen kann. „Mein Name ist….“, sagt ein Herr in besten Jahren, als er eintritt, „ich habe ein Zimmer hier…“ Die zuständige Mitarbeiterin wird gerufen. Der neue Gast bekommt einen erklärenden Begrüßungszettel, einen Schlüssel und den Code, der es ihm ermöglicht, zu jeder Zeit ins Haus und in sein Zimmer zu kommen. Es gibt elf Zimmer, die renoviert und gut ausgestattet sind, über ein Bad, Internet- und TV-Anschluss verfügen. „Bettwäsche und Handtücher werden gestellt, es gibt eine komplett ausgestattete Küche für die Gäste, mit Kühlschränken, Waschmaschine und Trockner. Der LCB leistet den Aufenthalt und das Frühstück als Grundversorgung. Wir betreuen zwischen 40 und 50 Gäste im Jahr, die mal einen, mal drei Monate bleiben, je nachdem, wie ihr Stipendium ausgestattet ist.“ 

Die Stipendien für deutschsprachige Literatur sind breit gefächert. „Im LCB laufen hierfür die organisatorischen Fäden zusammen: Beratung der Bewerber, Jurysitzungen, Förderung von ‚Grenzgänger‘-Veranstaltungen. …das Auswärtige Amt ermöglicht die Vermittlung deutscher Literatur weltweit … ; die Organisation des Deutsch-Italienischen Übersetzerpreises legt der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in die Obhut des LCB; mit der Allianz Kulturstiftung werden internationale Autorenbegegnungen … aus den EU-Grenzländern oder das Mittelmeerprojekt realisiert.“ Die Stiftung Pro Helvetia und das Literaturfestival Leukerbad kümmern sich um Schweizer Autoren, die S.-Fischer-Stiftung, das Auswärtige Amt und das Goethe Institut vermitteln internationale Gäste. Der Deutschlandfunk überträgt seit 1990 im LCB aufgenommene Literatursendungen. Die Stiftung Brandenburger Tor fördert je einen Berliner und einen auswärtigen Autor, Gäste aus Taiwan erhalten Unterstützung durch das chinesische Kulturministerium; das Bundeskanzleramt Wien, die Kunststiftung Lichtenstein und das ganzjährige Bosch Recherche-Stipendium schließen den Reigen. Zum LCB gehört seit 2005 die Vergabe für den „Preis der Leipziger Buchmesse“. Zu sichten sind bis zu 400 Bücher, die beim LCB eingereicht werden. 

Das Literarische Colloquium – bestehend aus Haupt-, Wohn- und Studiogebäude - gehört seit Januar 2012 zum Bestand der BIM. „Wir freuen uns, dass inzwischen viel gemacht wurde und sind insbesondere Florian Reich dankbar dafür“, betonen Dr. Höllerer und Corinna Ziegler, die von der neuen Stipendiatenküche begeistert ist. Es gibt eine enge Abstimmung zwischen Property- und Baumanagement für das denkmalgeschützte Anwesen. 2013, zum 50jährigen Jubiläum, bekam der Garten einen neuen Rasenbelag, die seeseitigen Terrassentüren im 1. OG wurden erneuert, ein nicht unerheblicher Heizungsrohrbruch musste beseitigt werden. In Kooperation mit dem Tiefbauamt Steglitz-Zehlendorf wurde die Zufahrt zum Grundstück vergrößert. Anfang des Jahres wurde das Büro des Geschäftsführers renoviert, einige Parkettböden und Holztüren aufgearbeitet, das Treppenhaus gestrichen und das Besucher-WC heutigem Standard angeglichen. Die Fassadensanierung mit Mauer-, Putz- Stuck- und Natursteinarbeiten wurde in Angriff genommen, desgleichen Maler- und Lackierarbeiten und der Erneuerungsanstrich am Turm.

Dr. Florian Höllerer über Ort und Bestimmung des Anwesens: „Literaturport.de heißt unser Internetportal – und tatsächlich ist der Hafen auch ein schönes Bild für das Literarische Colloquium: das Haus als Anlaufstelle für Autoren und Publikum einerseits sowie mit seinen vielen internationalen Programmen als Ort des Aufbruchs andererseits. Seine Lage – Seeblick nach hinten, Bahnhofsblick nach vorne – spiegelt sowohl seine introvertierte Seite als Autorenwerkstatt als auch seine dezidiert extrovertierte Seite mit Lesungen und Diskussionen für das interessierte Publikum; nicht zuletzt das Openair-Programm im Sommer, wo unser großer Garten von mehr als tausend Besuchern bevölkert wird.“ 

be 

Am Sandwerder 5, 14109 Berlin 
Tel.: +49(0)30 – 816 996 – 0, Fax: +49(0)30-816 996-19
Mail: mail@lcb.de, Web: www.lcb.de  

Quellen: Literarisches Colloquium, Johannes Guthmann: „Goldene Frucht“, 1955; Norbert Kampe: Villenkolonie in Wannsee 1870-1945; Miriam Esther Owesle: „Neu-Cladow und nichts anderes“, 214; Wikipedia.

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