Gerichte

Wer schon einmal im Treppenhaus des Amtsgerichts Littenstraße stand, wird verstehen warum Mitarbeiter der BIM Gerichte in erster Linie mit einer unheimlichen Ästhetik und weniger mit Verbrechen oder Rechtsstreitigkeiten verbinden. Seit dem Sommer 2005 sind die Berliner Gerichtsgebäude der BIM anvertraut. 36 Gebäude mit einer Bruttogrundfläche von 492.000 m² gingen damals in das Portfolio der BIM über. Ein Großteil der Gebäude ist älter als 90 Jahre und steht unter Denkmalschutz. Es gilt, die Anforderungen des Denkmalschutzes bei der Sanierung dieser Gebäude mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten in Einklang zu bringen.

Land- und Amtsgericht Littenstraße

Wo heute die Gruner- und Littenstraße verläuft, befand sich Ende des 17. Jahrhunderts eine Wallanlage, die die Grenze zwischen Cölln und Berlin markierte und 1870 zugunsten der Berliner Stadtbahn zugeschüttet wurde.

Als 1879 die sog. Reichsjustizgesetze in Kraft traten, die die Grundlage für eine einheitliche zivil- und strafrechtliche Gerichtsbarkeit für das ganze deutsche Reich schufen, entstand die Notwendigkeit für die Einrichtung neuer Gerichte und Gerichtsgebäude. In der Gruner- und damaligen Neuen Friedrichstraße wurde ein Neubau für die Zivilabteilungen des Land- und Amtsgerichts I geplant.- Die von den Baumeistern Paul Thoemer und Rudolf Mönnich 1895 vorgelegten Entwürfe setzte Landesbauinspektor Otto Schmalz um. 1905 war der Umzug der meisten der verstreut liegenden Berliner Gerichtsabteilungen in den Gesamtkomplex abgeschlossen.

Die Hallen beider Gerichte wurden so gestaltet, dass sie mehrere Funktionen erfüllen konnten: sie waren Verkehrsknotenpunkt, Treffpunkt und beeindruckende Repräsentation. Um ihre unterschiedliche Bedeutung zu unterstreichen, erhielt das Amtsgericht kräftige Farben, das Landgericht hingegen bekam ein in dezentes in Silbergrau und Weiß gehaltenes Erscheinungsbild. Markanter Punkt beider Gerichte bildeten die Zwillingstrepppen, die die Illusion eines Wasserfalls vermittelten. Grundriss und Raumaufteilung des Gesamtbaues sind als süddeutscher Barock ausgewiesen, Spätgotik und Jugendstil kamen hinzu, und das gusseiserne Rokoko-Geländer rundete die Stilvielfalt ab getreu dem in den Gründerjahren oft vernommenen Satz: "Meester, det Haus is fertich, wat soll'n für'n Stil ran".

19.000 m² Baugrund entsprachen einer bebauten Fläche von 12.400 m². Die Länge zur Stadtbahn betrug 237 Meter, zur Neuen Friedrichstraße - wie die Littenstraße damals hieß - 207 und 83 Meter zur Grunerstraße. Die Ecktürme in der Gruner- und Neuen Friedrichstraße hatten eine Höhe von 60 Metern. Die Höhe der Räume lag nicht unter vier Metern. Es gab 3.000 Fenster. Die Flure waren 5,1 km lang, die Eingangshalle 30,5 Meter hoch, und das Deckengewölbe 36 Meter im Durchschnitt. Hinzu kamen 12 Höfe. Die Baukosten lagen bei 7.378.054 Millionen Goldmark. Neben dem Plenarsaal verfügte das Landgericht über sechs Wartehallen, 21 Sitzungssäle, ein Präsidenten- und 123 Direktoren- und 19 Terminzimmer. Ferner 48 Gerichtsschreiber-Räume, eine Bücherei, sechs Botenzimmer und 41 Aborträume. Das Amtsgericht brachte es auf 16 Wartehallen, 51 Sitzungssäle, 150 Gerichtsschreiber- und 43 Aborträume. Ein ausgeklügeltes Belüftungssystem sorgte für Ab- und Zuluft in den Räumen, das als verzierte Löwenmäuler an den Türkanten sichtbar war und ist. Die Halle des Amtsgerichts schmückt ein Fries brandenburgischer Ritter - Symbol der Richter als Bewahrer der Ordnung - der erst nach der Wende bei Renovierungsarbeiten wiederentdeckt wurde.

1935 wurde das Grundstück gesetzlich zum Reichseigentum erklärt, viele Richter und Anwälte aus rassistischen oder politischen Gründen ihres Amtes enthoben. Während der Kriegsjahre erhielt das Haus mehrere Volltreffer. 1945 übernahm die Rote Armee die administrative und juristische Gewalt über die Stadt. So gut es ging, wurden die ärgsten Kriegsschäden beseitigt. Das 1949 nach der politischen und juristischen Spaltung Berlins gebildete Oberste Gericht als höchstes Rechtsprechungsorgan der DDR zog 1970 in die Littenstraße, in dem sich bereits das Stadtgericht Berlin, die Stadtbezirksgerichte Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain befanden. Ebenso das Staatliche Notariat, Strafverfolgungsbehörden, der Generalstaatsanwalt der DDR, Militärgericht und Militärstaatsanwalt. Die Littenstraße wurde somit zum Justizzentrum der DDR.

1951 wurde die Neue Friedrichstraße nach dem unerschrockenen jüdischen Anwalt Hans Litten (1903-1938) benannt, an den eine Büste und eine Gedenktafel im Gebäude erinnert. Als Vertreter der Nebenklage im sogenannten Eden-Prozess war es ihm gelungen, Hitler nicht nur in den Zeugenstand zu berufen, sondern ihn durch seine geschickt formulierten Fragen zu blamieren. Litten starb im KZ Dachau.

Bei der 1968 vorgenommenen Umgestaltung des Alexanderplatzes wurde alter Stadtkern entfernt und für den Auto-Tunnel in der Grunerstraße ein Teil des Landgerichts abgerissen. Mit dieser Entscheidung war die Symmetrie der einzigartigen Doppel-Frontfassade für immer verloren. Die 1992 begonnene Grundinstandsetzung dauerte bis 2010. Aus DDR-Tagen erhalten geblieben ist das unter Denkmalschutz stehende Präsidiumszimmer im Landgericht mit einer pompösen Deckenbeleuchtung, die jener aus dem ehemaligen Palast der Republik nicht unähnlich ist. Präsidiumssitzungen werden weiter darin abgehalten oder Besucher empfangen.

Standort

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