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Haus der Wannsee-Konferenz

Haus der Wannsee-Konferenz

Kurpfuscherei – Unterschlagung – Völkermord

Wer in die Straße am Großen Wannsee einbiegt und vor der Nummer 56-58 Halt macht, weiß, was ihn erwartet. Obwohl idyllisch gelegen, ist es keine Adresse, die zu einem unbeschwerten Besuch einlädt. Es ist ein Gedenkort, mit dessen Geschichte wir uns immer auseinandersetzen werden. Hier wurde am 20. Januar 1942 zu einer Staatssekretärsbesprechung mit anschließendem Frühstück eingeladen. Es gab nur einen Tagesordnungspunkt: „Endlösung der Judenfrage“.

Ab 2012 gehört das mehr als 30.000 m² große Villengrundstück direkt am Wannsee mit seinem wunderschönen Gartendenkmal zum Portfolio der BIM.  „Jährlich kommen im Durchschnitt gut 100.000 Besucher, sehr viele aus dem Ausland hierher“, erzählt Verwaltungsleiter Michael Haupt. An einem ganz gewöhnlichen Dienstag, vor 10 Uhr, steht bereits ein Bus der Bundeswehr vor der Einfahrt, und etliche Besuchergruppen kommen von der nahegelegenen Bushaltestelle mit dem beziehungsreichen Namen „Haus der Wannsee-Konferenz“.

Die Geschichte des Hauses ab 1914

Die durchaus als pompös zu bezeichnende Villa wurde 1914 für den 1875 in Coburg geborenen Fabrikanten Ernst Ferdinand Emil Marlier gebaut. 1903 kam er nach Berlin, nannte sich bald Commerzienrat und war unter anderem Mitinhaber verschiedener pharmazeutischer Firmen. Mit erheblichem Werbeaufwand wurden in der Wirkung zweifelhafte Schlankheits- und Nervenstärkende Produkte mit klangvollen Namen wie zum Beispiel Antipositin, Antineurasthin, Visnervin, Vitalito oder Hämasol angepriesen. Marlier kam mehr als einmal deshalb und wegen anderer Dinge mit den Ordnungshütern in Konflikt. Er neigte zu Handgreiflichkeiten. Das bekam sowohl seine Frau zu spüren, als auch eine sich in seiner Begleitung befindende Dame beim Besteigen ihrer Autodroschke in der Friedrich-/Ecke Jägerstraße, ebenso die ihr zu Hilfe eilenden Droschenkutscher, was Marlier eine Haft- und Geldstrafe einbrachte. „Nächtliche Ausschreitungen eines Neurasthenikers“, überschrieb das „Tageblatt Berlin“ am 13. Januar 1919 den Vorfall. Frau Marlier trennte sich von ihrem Mann und heiratete – nicht ungeschickt – ihren Scheidungsanwalt.

Mit dem Bau des sich an italienische Paläste des 17. Jahrhunderts anlehnenden Hauses wurde der in der Villenkolonie mit besten Referenzen ausgestattete Architekt Paul O.A. Baumgarten  (1873 - † nach 1953) beauftragt. Bereits 1909 hatte er das Sommerhaus für den Maler Max Liebermann und dessen Nachbarn, den AEG-Direktor Johann Hamspohn errichtet. Wie Liebermann bevorzugte Marlier Zimmerfluchten, die den Durchblick sowohl von der Garten- als auch von der Wasserseite her ermöglichten. Trotz Pförtner-, Gärtner, Gewächs- und Bootshaus, Geflügelhofanlage und Gartenpavillon blieb die Großzügigkeit des Geländes erhalten.

1921: Das Haus hat einen neuen Besitzer

„Mit Vertrag vom 10. September 1921 verkaufte Marlier die beiden Grundstücke von 30.578 m² an die ‚Norddeutsche Grundstücks-Aktiengesellschaft, An der Stechbahn 3-4, Berlin-Mitte zum Preis von 2.300.000 Mark. (Anm.: Die Straße An der Stechbahn -  benannt nach dort im 16. Jahrhundert stattgefundenen Ritterspielen  - existiert seit 1965 nicht mehr, auf dem Grundstück stand nach 1945 das Staatsratsgebäude der DDR…)“, schreibt Michael Haupt in seinem sorgfältig recherchierten Buch über die ehemalige Industriellen-Villa. Durch diesen Kaufvertrag kommt der neue Besitzer, Friedrich Minoux, auf den Plan, dessen Leben nicht weniger bunt verläuft wie das des Herrn Marlier, dessen Spur sich in den späten zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Lugano verliert.

Friedrich Minoux (1877-1945) kam aus Rheinland-Pfalz und hatte, als ihn der Mühlheimer Handelsunternehmer Hugo Stinnes (1970-1924) im Jahre 1912 in die Verwaltung seines Konzerns holte, bereits eine beachtliche Karriere vorzuweisen. In kürzester Zeit hatte er es vom Buchhalter zum Direktor der Gas- und Wasserwerke Essen gebracht. Stinnes ernennt ihn 1919 zum Generaldirektor der Berliner Stinnes-Niederlassung. 60 Unternehmen- von der Kohleförderung über die Schifffahrt bis zum Verlagswesen, der Automobil- und Papierindustrie – gehören zum machtvollen Imperium. In der Weimarer Republik anvanciert Minoux zum Finanzexperten, engagiert sich bei der Bekämpfung der Inflation und ist sogar als Finanzminister im Gespräch. Als es zum Bruch mit Stinnes kommt, baut er 1923 ein eigenes weit verzweigtes Firmenkonsortium auf.

Friedrich Minoux und der Nationalsozialismus

In der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt er sich in der „Akademie für Deutsches Recht“ mit dem Aufbau einer nationalsozialistischen Rechtsreform und ist auch an der „Arisierung“ von jüdischem Eigentum beteiligt. Pikanterweise wird im Juli 1933 gegen ihn ein Strafverfahren wegen Bilanzfälschung eingeleitet. Eine Amnestie beendet das Verfahren. Sechs Jahre später werden seine Unterschlagungen bei der Berliner Gasag und den Potsdamer Gaswerken, die sich auf ca. acht Millionen Reichsmark belaufen, aufgedeckt, und ein erneutes Strafverfahren wird eingeleitet. 1940, noch während seiner Aussage im Landgericht, kommt er in Untersuchungshaft und wird am 15. 8. 1941 zu fünf Jahren Zuchthaus, der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte und hohen Geldstrafen verurteilt. Im Zuchthaus Brandenburg-Görden gibt es einen bekannten Mithäftling: „Der frühere Generalsekretär der SED und Vorsitzende des Staatsrats der DDR teilte auf Anfrage vom 3. April 1987 mit, dass Minoux bald nach der Einlieferung ins Gefängnis Brandenburg-Görden, ‚… in der Anstaltsküche als Einkaufs-Kalfaktor eingesetzt wurde. Zu seinen Obliegenheiten gehörten der Einsatz und die Abrechnung der Lebensmittel…‘ “, zitiert Michael Haupt in seiner Ausarbeitung Erich Honecker.

Verkauf an die nationalsozialistische Stiftung Nordhav

Bereits im Mai 1940 hatte Minoux, um einen Teil seiner Schulden zu tilgen, das Haus am Wannsee an die Stiftung Nordhav (benannt nach einem Bauernhof auf der Insel Fehmarn) für 1.950.000 Reichsmark verkauft. Dahinter steht der Name des Chefs des RSHA (Reichssicherheitshauptamt) SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (1904-1942) mit Dienstsitz in der Wilhelm-/Prinz-Albrecht-Straße 8), heute „Topographie des Terrors“. Sinn und Zweck der Stiftung Nordhav war die Einrichtung von „Erholungs- und Geselligkeitsheimen für die Angehörigen des Sicherheitsdienstes und deren Familienangehörigen“. Neben vielen dem NS-Regime dienenden Aktivitäten zeichnete Heydrich u.a. für die Eliminierung der polnischen Intelligenzia, die Errichtung der Ghettos, die Beschlagnahmung jüdischen Eigentums und der Deportation der Juden Deutschlands und Österreichs verantwortlich. So ist es – im Sinne der NS-Ideologie – nur folgerichtig, ihn mit der „Endlösung der Judenfrage“ zu beauftragen. Heydrich wiederum übergibt die Planung an Adolf Eichmann (1906-1962), der das „Referat Auswanderung und Räumung“ des RSHA im Rang eines SS-Obersturmbannführers leitet.

Die Staatssekretärbesprechung und das Eichmann-Protokoll 

Im Auftrage Heydrichs lud Eichmann am 20. Januar 1942 um die Mittagszeit irrtümlich in das Speisezimmer des Gästehauses Am Kleinen Wannsee 16-18 zur „Lösung der Judenfrage“ ein. Er verwechselte das Dienstgebäude der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission mit dem Gästehaus Am Großen Wannsee. Die richtige Adresse wurde handschriftlich eingefügt.

Über das Ergebnis berichtete Adolf Eichmann in einem 15seitigen Protokoll, das an die Teilnehmer verschickt wurde. Von 30 Ausfertigungen blieb lediglich die 16. erhalten. „Die 15 Teilnehmer der Konferenz gehörten zu den Funktionseliten des nationalsozialistischen Regimes. Ihre Viten zeigen, dass viele eine akademische Ausbildung abgeschlossen… hatten. Acht von ihnen trugen einen Doktortitel. Sie waren zumeist  ‚gutbürgerlicher‘ Herkunft“, fasst Dr. Norbert Kampe, Leiter der Gedenkstätte, in seiner Beschreibung von der Konferenz zusammen. Während Heydrich im Juni 1942 als amtierender Statthalter des Protektorats Böhmen und Mähren einem Attentat in Prag erlag, begingen zwei Konferenzteilnehmer im Mai 1945 Selbstmord, Roland Freisler, berüchtigter Präsident des „Volksgerichtshofs“, kam bei einem Luftangriff im Keller des Gerichtshofs ums Leben, einer geriet wegen einer Intrige selbst in ein KZ, zwei wurden hingerichtet, andere starben unbehelligt im Laufe der Nachkriegszeit. Adolf Eichmann wurde nach seiner Flucht nach Argentinien nach Israel verbracht und während seines Prozesses 1961 in erster und zweiter Instanz zum Tode verurteilt und im Juni 1962 hingerichtet. 50 Jahre später, im Juli 2011, wurde im Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ in einer Sonderausstellung an den Prozess erinnert.

Die Kriegs- und Nachkriegszeit  

Bis zum Kriegsende gab es unterschiedliche Nutzungen des Hauses. Das nachfolgende Zitat ist als Beispiel unter vielen zu werten: „Im September 1943 soll im Haus ein Abschiedsempfang für Agenten aus dem arabischen Raum, die ins Britische Mandatsgebiet Palästina entsandt werden sollten, stattgefunden haben, …auch der ‚Großmufti von Jerusalem‘ soll teilgenommen haben.“ In Anbetracht desen, dass Eichmann gern damit prahlte, wie vertraut er mit dem Großmufti war, ist das durchaus glaubhaft. Inwieweit es bauliche Veränderungen seit der Minoux-Zeit bis 1945 gegeben hat, ist heute nicht mehr feststellbar, da sämtliche Bauakten verloren gegangen sind. 1945 waren zunächst offenbar russische Marinesoldaten, nachfolgend amerikanische Offiziere im Haus. 1946 ging das Grundstück in den Besitz des Magistrats von Groß-Berlin über, der es der SPD-Bildungsstätte „August Bebel“ zur Verfügung stellte. Nachfolgemieter wurde das Schullandheim des Bezirks Berlin-Neukölln. Dann begann eine Zeit widersprüchlicher, sogar peinlicher Begehrlichkeiten auf Haus und Park. Aufteilungen, auch Abrisspläne wurden erörtert.

Der unermüdliche Mahner Joseph Wulf

Der renommierte Historiker Joseph Wulf setzte sich Mitte der sechziger Jahre nachdrücklich dafür ein, das Gebäude zu einem Ort der Dokumentation und Erinnerung zu machen. Er fand namhafte Unterstützer aus Politik, Kirchen und Bildung. Alle Vorschläge, auch der Plan, ein neues Schullandheim zu finanzieren und zu bauen, wurde vehement abgelehnt. Nach vielen Jahren des vergeblichen Kampfes, als auch der Unterstützerkreis aufgab, war Wulf, der das Ghetto Krakau, das KZ Auschwitz, den Todesmarsch überlebt hatte, ein gebrochener Mann. Er nahm sich 1974 das Leben. Kurz zuvor schrieb er an seinen Sohn David: „Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht und das alles hatte keine Wirkung. Du kannst Dich bei den Deutschen totdokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein – und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen…“

Die Gedenk- und Bildungsstätte heute

Es sollte bis 1987 dauern, als das Grundstück in das Vermögen des Landes Berlin übertragen wurde und das Schullandheim nach Schwanenwerder umzog. Am 29. September 1988 wurde das gesamte Grundstück in die Denkmalliste Berlins eingetragen. Zum 50. Jahrestag der „Wannsee-Konferenz“ wurde die Villa als Gedenkstätte eröffnet. „Was verdrängt wird, holt uns wieder ein“, sagte die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth bei der Eröffnung am Vorabend des Gedenktages, am 19. Januar 1992. 2006 wurde die „Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz“ in das vom Abgeordnetenhaus von Berlin beschlossene „Gesetz zum Schutz von Gedenkstätten“ aufgenommen.

Michael Haupt weist darauf hin, dass „…die heutige Gedenkstätte Schulklassen, Jugend- und Erwachsenengruppen vielfältige, kostenlose Möglichkeiten bietet, sich im Rahmen von deutsch- und fremdsprachigen Führungen durch die Dauerausstellung oder in Seminaren und Studientagen mit der Geschichte des Nationalsozialismus und mit der Entrechtung und Ermordung der europäischen Juden zu befassen. Eine umfangreiche Bibliothek und Mediothek mit 50.000 Bänden ergänzt das pädagogische Angebot. Der Eintritt in die Ausstellung „Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden“ ist kostenlos.

 

Wir danken der Einrichtung für die freundliche Bereitstellung des Bildmaterials.

 

Quellen:

Michael Haupt: Das Haus der Wannsee-Konferenz

Norbert Kampe: Die Wannsee-Konferenz

Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem

Johannes Tuchel: Am Großen Wannsee 56-58

 

 

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Besucherinformationen

Homepage: http://www.ghwk.de

Adresse: Am Grossen Wannsee 56-58 / 14109 Berlin

Öffnungszeiten: Mo-So 10-18 Uhr

 

Foto: BIM GmbH

Der Eingang zum "Haus der Wannsee-Konferenz"

 

Foto: BIM GmbH

Die Front des Hauses

 

Foto: Ernst Ferdinand Emil Marlier im Wintergarten seines Hauses

Ernst Ferdinand Emil Marlier im Wintergarten seines Hauses 

 

Foto: Friedrich Minoux

Friedrich Minoux