Aufklärung gegen Verklärung
Im August hat Hubertus Knabe eine Mauer eingerissen. Gemeinsam mit Kulturstaatssekretär André Schmitz und Dr. Ingeborg Berggreen-Merkel, Abteilungsleiterin beim Bundeskulturbeauftragten, hat der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im Sommer 2011 mit dem Hammer die neuen Bauarbeiten für die Einrichtung feierlich begonnen. Unter anderem sollen die umfangreichen Umgestaltungen Platz für eine Dauerausstellung, ein neues Besucherzentrum und Veranstaltungsräume schaffen.
Entscheidend ist, dass der Ort in Zukunft auch neben den angebotenen Führungen besucht werden kann. „Ich freue mich, dass der Umbau der Gedenkstätte in ein modernes Museum nunmehr beginnt“, so Hubertus Knabe. Die Erweiterungen, die ein Bauvolumen von 16 Millionen Euro haben, sind aus zweierlei Gründen notwendig geworden. Einerseits werden sie den kontinuierlich steigenden Besucherzahlen gerecht. Am 03.11.2010 begrüßte Herr Knabe den zweimillionsten Besucher seit der Eröffnung der Gedenkstätte im Jahr 1994. Andererseits werde das moderne pädagogische Angebot ein weiterer Schritt sein, dem Vergessen und der verbreiteten Neigung zur Verklärung der SED-Diktatur entgegenzuwirken, so Dr. Ingeborg Berggreen-Merkel zu den Umbauarbeiten.
Versteckt und abgeschirmt
Im Nordosten Berlins, in der heutigen Genslerstraße, lag die zentrale Haftanstalt des Ministerium für Staatssicherheit (kurz: MfS). 1951 übernommen, wurde das ehemalige sowjetische Speziallager und spätere Untersuchungsgefängnis für die sowjetische Besatzungszone umgebaut und bis 1989 genutzt. Neben dem eigentlichen Gefängnis befanden sich noch weitere Gebäude von verschiedensten Abteilungen des MfS in dem Sperrgebiet. Im Rahmen einer Zeitzeugen-Führung können zur Zeit die über 200 Zellen, die Vernehmerräume und das Haftkrankenhaus besichtigt werden. Auch das sogenannte „U-Boot“, der fensterlose, nasskalte Kellertrakt, der bis 1951 genutzt wurde, kann besucht werden.
Auf den ersten Blick ist der Gebäudekomplex nicht als Haftanstalt zu identifizieren. Zugegeben: Es gibt Stacheldraht, Gittertore, schwere Eisentüren und Wachtürme. Aber nicht nur. Die braun-grünen Vernehmungsräume können ebenso ganz normale renovierungsbedürftige Büros aus den 70er Jahren sein, stilecht mit Blumenmustern auf den Gardinen und Tapeten. Auch die Gebäude sehen aus der Ferne aus wie ein Teil einer alten Fabrik, hellbraun oder grau verputzt kombiniert mit Backsteinen. Hinzu kommt, dass die Haftanstalt auf keiner Ostberliner Karte verzeichnet war. Umringt von anderen Dienstgebäuden, war sie hermetisch abgeschirmt und für die Öffentlichkeit unzugänglich.
Auch wenn sich der Besucher heute der Gedenkstätte nähert, ist nicht sofort ersichtlich, dass es sich um ein ehemaliges Gefängnis handelt. Das MfS wollte den Ort und seine Funktion geheim halten und Ehemalige versuchen das bis in die Gegenwart.
Tagtäglich gegen Verklärung und Vergessen
Noch heute arbeitet die Gedenkstätte Hohenschönhausen tagtäglich gegen Verklärung und Vergessen. Dazu gibt es genug Anlass. Die Aussage von dem früheren stellvertretenden Minister für Staatssicherheit Wolfgang Schwanitz, das MfS habe nicht gefoltert, ist dabei nur ein Beispiel. In einem Interview äußerte sich Schwanitz zu den Foltervorwürfen folgendermaßen: Die Behauptungen seien „das Resultat von zwanzig Jahren Meinungsmache und kollektiver Verdummung“. Des Weiteren bezeichnen ehemalige MfS-Mitarbeiter die Arbeit der Gedenkstätte als phantasievolle Erzählungen und Gruselberichte.
Die Wochenzeitung „Der Spiegel“ schrieb zu den Strategien der alten Kader, das „sind Methoden der Zersetzung, die hier wieder funktionieren“. So wie in alten Zeiten: „Bewährte anzuwendende Formen der Zersetzung sind: Systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges“, so steht es in der „Richtlinie Nr. 1/76, MfS Nr. 100/76“. So wurde es gelehrt.
Ausgebildet in psychischer Folter
An der 1951 gegründeten Juristischen Hochschule in Potsdam wurden Mitarbeiter des Gefängnisses in operativer Psychologie ausgebildet. Was das genau bedeutet, können Besucher heute in der Gedenkstätte bei einer Führung mit ehemaligen Insassen erfahren: Ständige Verhöre zu jeder Zeit, Isolation, Schikanierungen und andauernde Überwachung. Gängige Foltermethoden waren tropfende Wasserhähne in der Zelle, wechselnde Wassertemperaturen beim Duschen und Schlafentzug. Es gab Dunkelzellen und Gummizellen.
Sigrid Paul (1934-2011), die zwischen 1963 und 1964 mehrfach in Hohenschönhausen inhaftiert war, bestätigt die Verhältnisse. „In den ersten vierzehn Tagen war ich, wie fast alle politischen Häftlinge zu meiner Zeit, einem permanenten Schlafentzug ausgesetzt. Das bedeutet, daß auch in der Nacht das Licht durchgehend an war.“ Zermürbend war auch, dass jeglicher Kontakt zur Außenwelt verboten wurde. Mit gezielten Fehlinformationen zum Schicksal ihrer Familie und Freunde wurde sie zusätzlich unter Druck gesetzt. Bei einer Vernehmung wurde Sigrid Paul mitgeteilt, dass einer ihrer Freunde an der Grenze durch eine Kopfschuss getötet wurde, was nicht stimmte.
Für die Zeit ab den 1960er Jahren war diese Vorgehensweise charakteristisch. Die DDR strebte nach internationaler Anerkennung und physische, nachweisbare Folter waren schlechte Werbung. Aus diesem Grund ging das MfS zur psychischen Folter über und versuchte gezielt die Persönlichkeit des Gefangenen zu destabilisieren und zu zersetzen. Noch heute haben viele ehemalige Häftlinge mit den Spätfolgen der Folter zu kämpfen. Familien wurden zerrissen, Ehen wurden geschieden.
Die Mauer in den Köpfen
Während ehemalige MfS-Mitarbeiter per Gesetz ihre alten Renten ausgezahlt bekommen, steht eine angemessene Haftentschädigung für die Opfer nach wie vor aus. „Es ist wie früher: Die unverhältnismäßig hoch besoldeten MfS-Offiziere sind privilegiert, die von ihnen Geschundenen müssen ihr Recht suchen“, so schrieb kürzlich die Zeitung „Der Tagesspiegel“.
Für die Aufarbeitung der Verbrechen des MfS muss die Gedenkstätte Hohenschönhausen noch mehr tun als eine Mauer einreißen um Platz zu schaffen. Sie muss auch die Mauer in den Köpfen vieler einreißen. Denn die DDR ist mehr als Ampelmännchen und Vita Cola.