Spektakuläre Aufführungen
Eines der renommiertesten Kulturobjekte ist das unter Denkmalschutz stehende Gebäude des Berliner Ensembles, das auf eine über 100-jährige Geschichte zurückblickt. Am 19. November 1892 wurde es als „Neues Theater“ mit Goethes „Iphigenie auf Tauris“ eröffnet. Das von Heinrich Seeling (1852-1932) im Stil des Neobarock errichtete Theater mit über 760 Plätzen galt bei seiner Fertigstellung als eines der prächtigsten seiner Art. Während sich die Außenfront nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verändert hat, blieben der Zuschauerraum, Parkett und Ränge unbeschädigt, so dass die intime Atmosphäre erhalten geblieben ist.
Nicht weniger als 30 Regisseure und Direktoren sorgten im Laufe der langen Zeit sowohl für klassische als auch zeitgenössische und oft genug spektakuläre Aufführungen, wie Gerhart Hauptmanns „Weber“ oder Frank Wedekinds „Kammersänger“ unter Max Löwenfeld. Ihm folgte der legendäre aus Wien kommende Max Reinhardt (1873-1943). Als er das Haus übernahm, ließ er eine Drehbühne installieren, die für die damalige Zeit eine Sensation war. Reinhardt blieb bis 1906. Bei der Uraufführung zu Carl Zuckmayers Volksstück „Der Fröhliche Weinberg“ am 22. Dezember 1925 hieß das Haus „Theater am Schiffbauerdamm“. Diese Bezeichnung ging auf die Häuser der Schiffbauer an der nahe gelegenen Spree zurück.
Am 31. August 1928 wurde „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht (1898-1956) und Kurt Weill (1900-1950) unter dem neuen Direktor Josef Aufricht (1898-1971) uraufgeführt. „The Beggar’s Opera“, so der Originaltitel, ist seitdem aus dem Repertoire namhafter Bühnen nicht mehr wegzudenken. 80 Jahre später, auf den Tag genau, fand am gleichen Ort die Neuinszenierung der Bettler-Oper von Robert Wilson statt, die über Monate hinaus ausverkauft war.
Krieg und Neubeginn
Aufricht verpflichtete neben Gustav Gründgens (1899-1963) Schauspieler, die noch heute ein Begriff sind, wie z. B. Helene Weigel, Ernst Busch oder Lotte Lenya. Als Aufricht 1933 emigrieren musste, wurde das Theater in „Deutsches Nationaltheater am Schiffbauerdamm“ umbenannt. 1944 musste der Theaterbetrieb eingestellt werden. Bereits ein Jahr nach Kriegsende bekam der zu Zwangsarbeit verpflichtete und mit Spielverbot belegte Staatsschauspieler Fritz Wisten die Lizenz für die Wiederaufnahme der Spielzeit. Er blieb bis 1954.
1949 kamen Bertolt Brecht und Helene Weigel (1900-1971) aus der Emigration zurück. Sie gründeten das „Berliner Ensemble“, das zunächst im Deutschen Theater gastierte. Wisten wechselte an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Brecht wurde der neue Hausherr am Schiffbauerdamm. Der „Kaukasische Kreidekreis“ war Brechts letzte Inszenierung. Als er 1956 starb, übernahm Helene Weigel die Leitung des Ensembles. Ihr gelang mit Gastspielen in Paris und London der internationale Durchbruch. Ruth Berghaus, Heiner Müller und Peter Hacks prägten die Zeit nach ihr. Es folgten bis 1999 u.a. Matthias Langhoff, Peter Palitzsch, Peter Zadek und Martin Wuttke.
Heute
Als Claus Peymann 1999 die Intendanz übernahm, wurde aus dem Staatstheater der DDR ein Privattheater (Gemeinnützige GmbH). Peymanns Weg führte von der Berliner Schaubühne über das Schauspiel Stuttgart und Bochum an das Burgtheater nach Wien. Er verhalf vor allem Thomas Bernhards Stücken zum Durchbruch, die sowohl Begeisterung als auch heftigste Presseattacken auslösten. Einige seiner erfolgreichsten Burgtheater-Inszenierungen brachte Peymann mit nach Berlin, wie „Ritter, Dene Voß“, „Richard II“ oder „Richard III“. Besonders verbunden fühlte er sich George Tabori, der bis zu dessen Tod im Juli 2007 zum Autorenensemble gehörte.
Bei Peymanns Antritt wurde das Theater umgebaut. Es bekam eine neue Probebühne, der Pavillon und die alte Probebühne sind zu neuen Spielräumen umgestaltet worden. Direktion, Dramaturgie und Archiv bezogen das ausgebaute Dachgeschoß. Es gibt heute Zeiten, wo alle vier Bühnen bespielt werden. Zählt man das Foyer hinzu, sind es sogar fünf.
Zu den großen Theaterereignissen der letzten Zeit gehörten Peter Steins „Wallenstein“ in der Kindl-Halle in Berlin-Neukölln mit dem Berliner Ensemble und „Der zerbrochene Krug“ am Schiffbauer Damm ebenso wie die erstmalige Inszenierung von „Shakespeares Sonette“ in der Regie von Robert Wilson.